A
n t i l l e n t ö r n
Gegen den zivilisierten Norden sind die
Windward Islands zwischen Martinique und Grenada die "klassische" Karibik.
Endlose Sandstrände, türkisfarbenes Wasser und Palmen bestimmen
das Bild, je weiter man nach Süden kommt. Wir erlebten einen unvergeßlichen
Törn in diesem Traumrevier an Bord einer Lagoon 47.
Von PATRICK GÖBL
Windige Winwards
Über ein Jahr intensiver Vorbereitung
liegen hinter mir, als ich zusammen mit meiner Freundin und Co-Skipperin
Sabine Anfang September in einem Jumbo-Jet der Air France von Paris in
Richtung Martinique abhebe. Wir sind einige Tage vor der Crew angereist,
um uns bereits ein wenig zu aklimatisieren und die letzten organisatorischen
Vorereitungen vor Ort zu treffen.
Gleich nach der Landung geht es per Leihwagen
von der Hauptstadt Martiniques, Fort de France, in Richtung Süden
nach Le Marin. Noch bevor wir unser Hotel beziehen machen wir einen Abstecher
zu unserer Chartergesellschaft um den übernahmetermin der Yacht zu
vereinbaren. Die folgenden Tage vor Törnbeginn verbringen wir teils
mit Inselbesichtigung und Strandleben, teils mit weiteren Vorbereitungen:
Die ganze Crew besteht aus begeisterten Tauchern, so daß neben neun
Tauchflaschen auch noch ein Kompressor besorgt und inspiziert werden muß.
Schnell sind die letzten Tage vergangen
und am Samstagmorgen ist es endlich so weit. Sabine und ich haben uns bereits
um 8 Uhr zur Schiffsübernahme angemeldet. Aufgeregt fahren wir die
kurze Strecke zum Hafen, schlendern den Steg entlang und suchen die Lagoon
47, unser zu Hause für die nächsten zwei Wochen. Und plötzlich
stehen wir vor ihr. Schön ist sie, schneeweiß, einladend großzügig
und noch viel imposanter als erwartet. Ein Katamaran ist optimal für
die Karibik, der niedrige Tiefgang erschließt uns beste Ankerplätze
und das enorme Platzangebot (4 riesige Doppelkabinen, 4 Bäder, an
die 100 m2 Deck, etc.) begeistern die Crew.
Mittlerweile ist die Crew fast komplett
eingetroffen und der ganze Samstag wird Proviant gebunkert und die Yacht
beladen. Mindestens sieben übervolle Einkaufswagen werden verladen,
denn auf einem Törn nach Süden empfiehlt sich hier in Frankreich
ein riesiger Einkauf. Spät nachts kommen mit neunstündiger Verspätung
die letzten beiden Crewmitglieder endlich an. Ihre Maschine konnte wegen
heftigen Unwettern über Martinique nicht landen und wurde vorläufig
nach Guadeloupe umgeleitet.
AZur Begrüßung mixen wir die
ersten karibischen Cocktails. Gegen Mittag des nächsten Tages heißt
es nach einer gründlichen nautischen Einweiung aller Crewmitglieder
"Leinen los" und wir laufen unter Motor aus dem Hafen in Le Marin aus.
Der Sturm des Vortages hat sich zwar einigermaßen gelegt, aber hohe
Wellen machen uns den südlichen Kurs sehr ungemütlich. Trotzdem
erreichen wir nach ca. 5 Stunden überfahrt in bester Laune die Bilderbuchbucht
"Marigot Bay" auf St. Lucia. Der nächste Morgen begrüßt
uns noch mit leichter Bewölkung, ab jetzt soll uns aber der Wettergott
gut gesonnen sein, so daß wir in den kommenden 14 Tagen fast ausschließlich
blauen Himmel und Sonne genießen können. Von der "Marigot Bay"
geht es zu einem mehrstündigen Tauchstop in die Anse Conchon, wo wir
das Wrack eines ca. 50 Meter langen Frachters betauchen, das herrlich mit
Korallen bewachsen ist. Der Fischreichtum unter Wasser ist atemberaubend,
sogar eine Wasserschildkröte zieht ihre Runden über uns. Von
hier aus segeln wir weiter zu den berühmten Pietons von St. Lucia.
Nach dem wir unsere Lagoon sicher an einer Boje vertäut haben, wandern
wir wenige hundert Meter in das Landesinnere um bei Sonnenuntergang unter
einem heißen Wasserfall vulkanischen Ursprungs kollektiv zu duschen.
Die nächsten Tage segeln wir über
St. Vincent und Bequia zu der Trauminsel Mustique. In der berühmten
"Basil's Bar", wo auch Mick Jagger Stammgast ist, erleben wir bei einem
Sundowner einen wahrhaftig traumhaften Sonnenuntergang. Früh am nächsten
Morgen schippert uns ein Fischer mit seinem Boot an ein nördlich von
Mustique gelegenes Riff, wo Anfang der 70er Jahre der französische
Luxusliner "Antilles" aufgelaufen, ausgebrannt und gesunken ist.
Extrem starke Strömung sorgt dafür,
daß nur erfahrenere Taucher hinabsteigen sollten. Nur einige von
uns wagen das Vergnügen. Ich bin der Meinung, es hat sich auf jeden
Fall gelohnt. Zurück bei unserer Yacht, heißt es dann auch gleich
"Anker auf" und wir nehmen gegen Mittag Kurs auf die Tobago Cays, das Herzstück
der Grenadinen. Gewarnt durch den unverzicht-baren nautischen Reiseführer
von Chris Doyle, befinden wir uns noch bei hohem Sonnen-stand vor der Einfahrt
in die Inselgruppe. Wir finden ohne große Probleme einen Weg durch
die gefährlichen Riffe.
Die Farbe des Wassers wird immer unglaublicher,
zusätzlich wird das Auge durch men-schenleere Palmenstrände verwöhnt.
Abends schmeißen wir unseren Bordgrill an und Chiefcook Charlie zaubert
zusammen mit Herbert ein weiteres tolles Abendessen.
Zwei ganze Tage verbringen wir in dieser
Idylle. Schnorcheln, Tauchen am Außenriff (mit Hai-Kontakt) oder
einfach nur Relaxen am Strand läßt uns den Alltag in Deutschland
ganz und gar vergessen.
Nur schwer können wir uns von den
Tobago Cays losreißen und segeln nur einige Seemeilen weiter nach
Mayero. Nach einem Tauchgang an einem versunkenen englichen Kanonenboot
setzen wir unsere Fahrt fort und machen in Clifton Harbor auf der Insel
Union fest. Ein Teil der Crew verläßt am Abend die Yacht zum
Landgang, um eine Raggae-Party zu besuchen, der Rest beschließt den
Tag mit Cocktails an Bord.
Während hier die meisten Charteryachten
aus dem Norden umdrehen, ist unser Wirkungskreis mit einem Katamaran größer
und wir laufen am nächsten Tag weiter südlich Sandy Island an,
die nächste Perle der Karibik. Wir finden einen menschenleeren Strand
vor: 400 Meter weißer Sand und 20 Palmen für uns allein. Da
es vor dieser Insel keinen Nachtankerplatz gibt und wir einige Tage wie
Robinson Crusoe an Palmenstränden fernab jeglicher Zivilisation verbracht
haben, steuern wir auf nördlichem Kurs Petit St. Vincent an.
Von dort aus führt unser Törn
über Palm Island ein weiteres mal nach Bequia, wo wir einen Hafentag
einlegen. Neben einem geführten Tauchgang mit Dive Bequia erkundet
ein Teil von uns die Insel per Taxi. Ein sehr großer Segelschlag
führt uns von Bequia zurück nach St. Lucia. Erneut tauchen vor
uns die beiden kegelförmigen Pietons auf, diesmal, fast schon kitschig
schön, überspannt ein Regenbogen dieses Wahrzeichen.
Kurz nach Sonnenuntergang machen wir zwischen
den beiden steil emporragenden Bergen fest. Sehr früh am kommenden
Morgen verlassen wir unseren Liegeplatz und nehmen noch einmal Kurs auf
die Anse Conchon. Wir waren so begeistert von dem dort gesunkenen Wrack,
daß wir erneut dort tauchen wollen.
Nach zwei weiteren Tauchgängen am
Wrack und tollen Unterwasser - Felsformationen setzen wir gegen Mittag
unsere Fahrt mit dem Ziel Marigot Bay fort. Vier von uns unternehmen noch
eine ca. vierstündige Inselexkursion mit einem "Führer" namens
Roger. Er zeigt uns einen noch aktiven Vulkan, das Fischernest Soufrière
und andere Sehenswürdigkeiten.
Das Ende naht. Nach vierzehn Tagen steuern
wir braungebrannt und sehr wehmütig Martinique an. Ein für uns
alle unvergeßlicher Törn ist vorüber. Gemeinsam überlegen
wir, ob wir nicht doch hierbleiben sollten, um diese endlose, türkisblaue
Weite und das lässige Leben an Bord einzutauschen, gegen triste Betonwände
und Dauerregen in Deutschland.
Soll es das gewesen sein? Aus und vorbei?
Für immer? Nein! In der kommenden Saison steht ein Thailand-Törn
auf dem Programm, oder alternativ vielleicht die Seychellen?
Fazit: Auch wenn von Mai bis September
in der Karibik Hurrikan-Saison ist und die Gefahr besteht, daß ein
tropischer Wirbelsturm entsteht, heißt es noch lange nicht, daß
diese Zeit für einen Segeltörn ungeeignet ist. Je weiter man
im Süden segelt, desto geringer ist die Gefahr, von einem Hurrikan
überrascht zu werden. überrascht ist übrigens das falsche
Wort, ein ausgezeichnetes Frühwarnsystem kündigt schon mehr als
24 Stunden im voraus eine eventuelle Hurrikan-Gefahr an. Man hat also ausreichend
Zeit einen geeigneten, sicheren Liegeplatz aufzusuchen, um den Sturm abzuwettern.
Die etwas häufigeren Regenfälle
in dieser Zeit werden eher als angenehm empfunden, der größte
Vorteil, der für diese Jahreszeit spricht, ist jedoch die Tatsache,
daß man nicht mit hunderten anderer Yachten unterwegs ist, sondern
noch wirklich überall einsame Ankerplätze findet. Zum Beispiel
trafen wir in den gesamten Tobago Cays nur vier weitere Yachten an. In
der Hauptsaison tummeln sich hier teilweise über hundert Schiffe.
Während unseren 14 Tagen auf See zählten wir nur einen Tag mit
wirklich schlechtem Wetter, zwei weitere die stark bewölkt waren,
alle anderen bescherten uns einen Himmel, wie man ihn aus Urlaubsprospekten
kennt. Einstimmig war die Meinung, jederzeit wieder diese Saison zu wählen,
und statt touristenrummel Karibik-pur zu erleben.
Unerfahrenen Skippern rate ich dennoch
von dieser Jahreszeit ab, da die Windrichtungen häufig untypisch sind
und Wetteränderungen oft unangekündigt eintreten können.
Auch sollten Kenntnisse zur Hurrikan-Abwetterung vorhanden, sowie die typischen
Hurrican-Holes bekannt sein, in die man sich im Fall der Fälle zurückziehen
kann. Regelmäßiges Abhören des Wetterberichtes, sowie Kenntnisse
zur Auswertung von Satelliten - Wetter - Aufnahmen sind ebensfalls Pflicht.
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